„Wertloses Gutachten“ als Entscheidungshilfe?

„Initiative zum Erhalt des Naturparadieses Roßberg“ startet Unterschriftenaktion

Adlkofen. „Erstaunlich mit welchem Schrott man in der heutigen Zeit Geld verdienen und den Inhalt eines nahezu ausnahmslos aus Allgemeinplätzen bestehendes Papieres einem Gemeinderat als ‚Gutachten‘ unterjubeln kann“. Allerdings, so der Kritiker des nunmehr der Gemeinde vorliegenden Gutachtens weiter, „muß man auch sehen, daß die Ziele und die Fläche des zu untersuchenden Gebietes ja nicht vom Gutachter selbst, sondern von der Gemeindeverwaltung festgelegt worden waren“. Und hier hat Geschäftsführer Johann Theiß, der als Adressat des Gutachtens benannt ist, ganze Arbeit im Sinne seiner Chefin geleistet. Das vom Freisinger Gutachter untersuchte Gebiet ist etwa vier Mal so groß wie das eigentliche Problemgebiet „Roßberg“, welches hätte genau unter die Lupe genommen werden sollen. Die tatsächlich in Augenschein genommene Fläche wird überwiegend intensiv landwirtschaftlich genutzt und ist für die anstehende Entscheidung eigentlich bedeutungslos. Mit ihrer Hilfe allerdings läßt sich so manches relativieren und – sagen wir mal vorsichtig – ganz im Sinne einer bauwütigen Gemeinde „geschönt“ – darlegen.

Alleine bei der Flächenfestlegung wird schon deutlich, was die Gemeinde bei der Auftragserteilung wirklich beabsichtigte: Die Bebauung Roßbergs als ökologisch unproblemtisch darzustellen und die dort vorkommenden Arten überwiegend als „Allerweltsarten“ abzuqualifizieren. Wie bereits im Vorfeld der am Montag, 20. Oktober, zu „Roßberg“ stattfindenden Beschlußfassung im Gemeinderat bekannt wurde, ist das weitgehend erfolgreich gelungen. Auch wenn sich ein Laubfrosch in einem Tümpel bei Santing dem relativ erfolglos entgegenstemmt.

Dennoch: 32 Vogelarten wurden festgestellt. Darunter der unter strengem Schutz stehende Turmfalke und der bestandsbedrohte Neuntöter als Brutvögel. Ebenfalls als Brutvögel die stark gefährdeten Bodenbrüter Goldammer und Feldlerche. Gerade für die Feldlerche unternehmen staatliche Stellen im Zusammenwirken mit Naturschutzorganisationen in anderen Teilen Bayerns und der Republik große und kostspielige  Anstrengungen, um die Arten zu erhalten. Da können die Adlkofener dann schon mal ein Feldlerchen-Brutrevier als ökologisch wertlos deklarieren und es den Baggerschaufeln anheim geben, nicht wahr liebe Gemeinderäte?

Eigentlich müßte man diese Frage der Unteren Naturvernichtungsbehörde beim Landratsamt Landshut (offiziell ja: Untere Naturschutzbehörde und im weiteren Text mit UNB abgekürzt) stellen, dem stellvertretenden Sachgebietsleiter für Naturschutzprojekte Dipl.-Ing. (FH) Klaus Mooser. Aber am frühen Donnerstagnachmittag, als der Redaktion Teile des Gutachtens bekannt wurden, war der für uns nicht mehr erreichbar. Da der erste Anruf kurz nach 15 Uhr bei einem Mitarbeiter der Behörde landete, der sich für Adlkofen und das Baugebiet „Roßberg“ für nicht zuständig erklärte, war Mooser beim zweiten Anrufversuch bereits vorgewarnt. Jedenfalls war der direkte Draht zu ihm beim unmittelbar darauffolgenden Anrufversuch belegt, was natürlich auch Zufall sein kann, ganz klar. Aber als die Leitung wieder frei war, wollte bei den folgenden Anrufversuchen niemand mehr den Hörer in die Hand nehmen und da stelle ich den „Zufall“ dann schon in Frage.

Kein wirkliches Interesse seitens der Gemeinde auch an einer umfassenden Feststellung der tatsächlich vorkommenden Tier- und Pflanzenarten im Kerngebiet der Problemzone. Wie man zu einer solchen Feststellung kommt? Nun, das Gutachten enthält meines Wissens kein Wort zu den dort vorkommenden seltenen und auch vom Aussterben bedrohten Pflanzen, kein Wort zu stark bedrohten und äußerst seltenen Säugetieren, wie zum Beispiel der von Naturfreunden im Spätherbst 2017 im Aigner Graben festgestellten Wasserspitzmaus. Auch kein Wort zu den bedrohten und in unterschiedlichen Gefährdungsstufen bis hin zu als „streng geschützt“ geführten Schmetterlingsarten. Die großen Ameisenkolonien im Gebiet Roßberg sind weder dem Gemeinderat noch der Verwaltung oder gar der zuständigen Behörde beim Landratsamt (Sie wissen schon – die Unteren Naturvernichter!) eine Betrachtung Wert gewesen, wenngkeich – das Gutachten erwähnt sie in einem Nebensatz.

Eine entsprechende Anregung beziehungsweise Forderung zur Aufnahme in das Gutachten war schon in dem Schreiben der UNB an die Gemeinde im Sommer letzen Jahres nicht enthalten. Alle die Fragestellungen, welche das Baugebiet schon im Ansatz hätten kippen müssen, wurden sorgfältig von der Begutachtung ausgeschlossen. Sind die amtlichen Naturschützer tatsächlich mit einem solchen Pseudogutachten einverstanden und tolerieren sie die auf das eigentliche Problemgebiet mehr als zweifelhafte Sicht der Gemeindeverwaltung?

Auffällig auch, die in verschwindend geringer Anzahl dokumentierten Zauneidechsenfunde. Sie liegen, soweit ich bei einem kurzen Blick auf die Karte im Gutachten feststellen konnte, alle südöstlich an der Grenze des von der alten Esche dominierten kleinen Feldgehölzes Richtung Aign. Nicht ein einziger Eidechsenfund ausgerechnet dort, wo sie letzten Jahres den Naturexperten Christian Brummer vom Landesbund für Vogelschutz (LbV) und dem Adlkofener Experten Robert Beringer sowie mir selbst bei der gemeinsamen Begehung des Geländes stellenweise buchstäblich bei fast jedem zweiten Schritt über die Schuhe gesprungen sind. Wer allerdings nur die Vegetations-Saumgebiete auf der Suche nach ihnen in Augenschein nimmt, das haben die Gutachter ihren eigenen Angaben zur Methodik der Gutachtenserstellung so gemacht, kann diese Vorkommen natürlich nicht entdecken. Wer nicht reingeht in’s Gelände, darf sich nicht wundern, wenn sich ihm seine Schätze nicht zeigen – so einfach ist das. Und genau so einfach kann man als Gutachter die Gemeinde störende Erkenntnisse vermeiden!  Man muß halt im Vorfeld einer Auftragserteilung miteinander reden und ich denke einmal, das ist auch intensiv geschehen.

Selbstverständlich sind das Unterstellungen. Erste Bürgermeisterin Rosa-Maria Maurer dürfte vermutlich sogar von „böswilligen Unterstellungen“ sprechen. Macht aber nichts, Fakt ist nun einmal, daß die Gemeinde der Bitte des LbV-Kreisvorsitzenden nicht nachgekommen ist, die europaweit absolut als sachkundig geltenden LbV-Experten in die Erstellung des Gutachtens beziehungsweise „in das weitere Verfahren“, wie es damals im Schreiben an die Gemeinde hieß, mit einzubinden. Wäre das geschehen, hätte es auch keine „Wischi-Waschi“-Versuche zur Feststellung eines Wachtelkönig-Vorkommens gegeben. Der Crex crex, Auslöser des ganzen Aufwandes, ist in Roßberg per Stimmdokumentation und persönliche Feststellung durch Robert Beringer zweifelsfrei nachgewiesen. Auch Gemeinderat Hubertus Werner (SPD) hat den Ruf des Wachtelkönigs bei anderer Gelegenheit in einem anderen Jahr ebenso zweifelsfrei vernommen. Von diesen Feststellungen, zumindest die von Beringer, war einem Mitarbeiter der UNB in Landshut mitgeteilt worden. Dort unterblieb aber die vorschriftsmäßige Weitergabe an die Biotopkartierungsstelle. Die Behörde machte in einem früheren Gespräch dazu „Arbeitsüberlastung“ als Ursache des Versäumnisses geltend.

Wenn solche Nachweise der Wachtelkönig-Anwesenheit bekannt sind, sollte man von einem ernsthaft bemühten Gutachter anderes erwarten dürfen, als eine Handvoll lapidarer Biotopbegehungen. Oder hat man ihn darüber etwa nicht unterrichtet? Jeder im Geiste noch so simpel gestrickte, echte Vogelfreund würde wissen, daß man zur zweifelsfreien Feststellung einer Vogelart in einem ganz bestimmten Gebiet schon immer Methoden kannte, die einen Vogel – nach dazu einen potentiellen Revierinhaber – ganz schnell verleiten, seine Anwesenheit zu verraten. Tonbandaufnahmen eines zur Balzzeit rufenden anderen Wachtelkönigs zum Beispiel wären so ein Mittel. Stimmfühlumngslaute einer „Wachtelkönigin“ wären ein anderes probates Mittel. Man läßt solche Aufnahme bei einer Begehung eben mit zeitlich vernünftigen Pausen mehrmals hinter einander abspielen, beobachtet und hört zu, was sich im Revier tut. Wer allerdings in einem Gebiet sucht, so groß wie das begutachtete, sich dafür in der Regel nur eineinhalb bis zwei Stunden Zeit nimmt, darf sich wahrlich nicht wundern, keinen Wachtelkönig zu hören. Auch lassen sich die Vögel allgmein nicht an jedem Tag und immer um die annähernd gleiche Zeit hören. Wer im Wissen um solche Fakten dann jedoch seine Suche zeitlich stets in den gleichen Tages- oder Nachtabschnitt legt, hat sehr gute Chancen, zum Abschluß seiner Arbeit ruhigen Gewissens ein ganz bestimmtes Ergebnis präsentieren zu können.

Selbstverständlich sind auch das wieder „wilde Spekulationen, Vermutungen und Unterstellungen“ eines am Rad drehenden Redakteurs, der jedoch aus eigenem Naturerleben im geplanten Baugebiet Roßberg berichten kann. Aber so ganz ohne einer Reihe mehrfacher, stichhaltiger Hinweise im Gutachten kommt man auch als entschiedener Gegner des Baugebietes nicht auf solche Ideen. Ist nur zu wünschen, daß sich die Gemeinderäte trauen, genau hinzuschauen, und die Ergebnisse genau, ehrlich und selbstkritisch zu hinterfragen. Eigentlich kann es dann nur eine Entscheidung geben – den Verzicht auf das Baugebiet „Roßberg“, eine weitere, wissenschaftliche Erfassung des tatsächlichen und vollständigen Artenvorkommens vor allem auch auf der richtigen Fläche und die Ausweisung derselben als Biotop mit höchstmöglichem Schutzstatus.

Um genau diese Ziele zu erreichen und dem Gemeinderat die Augen zu öffnen für die Naturschätze im Gemeindegebiet sowie die damit verbundene Wertschätzung dafür in der Bürgerschaft, aber auch in der Bevölkerung über die Gemeindegrenzen hinaus zu fördern, wurde eine lokale Initiative zum Erhalt des Naturparadieses Roßberg in’s Leben gerufen. Mit einer Unterschriftenaktion und weiteren medialen Initiativen wird versucht werden, auf die Entscheidungsträger aller Ebenen in Gemeinde, Kreis und Regierung „politischen Druck aufzubauen. „Um diese zu veranlassen, sich den auch für die Menschen überlebenswichtigen Fragen des Artenschutzes endlich verantwortungsbewußt zu stellen“, wie es ein Sprecher der Initiative ausdrückte. Mit der im Adlkofener Gemeinderat zu erwartenden weiteren Zustimmung zum Baugebiet Roßberg am Montagabend sei jedenfalls noch überhaupt nichts entschieden.

Die Blatt’l-Redaktion wird, auch wenn man ihr als Presseorgan zur Sitzung keine offizielle Ladung mit Tagesordnung mehr hat zukommen lassen, dennoch aus dem Gremium berichten. Wir sind gespannt, welche Gemeinderäte an der Sitzung überhaupt teilnehmen, sich überredungsressitent erweisen und auch weiterhin den Mut haben werden, sich dem Bauwahnsinn in Roßberg zu verweigern.

 

Kommentar hinterlassen